Aus der
Schiersteiner Kantorei

Dreimal "Hallelujah" in Peking
Rückblick auf ein einmaliges Erlebnis für die Kantorei

Zuerst ungläubiges Staunen und Kopfschütteln, als Kantor Lutz im Herbst seinem Chor verkündete, man sei vom 2.bis 8. Januar zu einer Konzertreise nach China eingeladen. Von zwei deutschen Kandidaten sei unsere Kantorei ausgewählt worden. Als dann klar wurde, dass es sich durchaus nicht um einen verspäteten Aprilscherz handelte, wurden sofort fehlende Reisepässe geordert. Dann gingen unzählige E-Mails zwischen Schierstein und Peking hin und her. Das ursprünglich vom Kantor erstellte Musikprogramm wurde von den chinesischen Behörden teilweise abgeschmettert, weil der liebe Gott darin zu oft vertreten war. Scheinbar befürchtete man, wir wollten missionieren. Das Programm musste umgekrempelt werden. Zum Glück gab es dann zumeist bekannte Stücke, die in zwei Sonderproben „poliert“ wurden. Bis Weihnachten war trotzdem immer noch nicht sicher, ob die Reise überhaupt zu Stande kommen würde.

2. Januar Anno Domini 2007

Als alle Neunundneunzig im Jumbo-Jet saßen, ihre Visa in Händen hielten, war es wahrhaftig. Über acht Stunden Flugzeit - das war schon heftig. Um halb zehn (China-Zeit) Landung in Peking, Erledigung der Grenzformalitäten, die überraschend leger gehandhabt wurden, dann Fahrt mit drei Bussen (durchaus modern und komfortabel) zur „Herberge“. Am Flughafen der Empfang mit einem großen „Banner“, mit Aufschrift „Schiersteiner Kantorei“ (siehe Bild).
Als wir das Foyer des „China World Hotel“ (5 Sterne) betraten, wähnten wir uns im kaiserlichen Palast: Die Zimmer waren entsprechend. Jede und jeder bekam eine echte Rose überreicht. Das Frühstücksbüffet war traumhaft. Mittag- und Abendessen gab es in jeweils anderen Restaurants. Alles sehr chinesisch. Auf einem großen runden Tisch befand sich eine drehbare Platte, bestückt mit allerlei Gerichten. Wollte man etwas aus einer bestimmten Schüssel holen, drehte garantiert irgend ein Tischnachbar die Platte weiter und man musste auf die nächste Runde warten. Auch das Essen mit Stäbchen war teilweise recht abenteuerlich. Doch hielten die mitleidigen Chinesen auch Gabeln bereit.

Trinkt oh Augen, was die Wimper hält, von dem
goldnen Überfluss der Welt (Gottfried Keller)

Was haben wir alles erlebt und gesehen? Himmelstempel, Tempel der Erde, Ming-Grab, Sommer-Palast, Verbotene Stadt, Große Mauer („Kletterparadies“, wo ein eisiger Wind blies), Platz des himmlischen Friedens (wo 1989 die Panzer eine Studentendemonstration niederwalzten), eine Jadeschnitzerei, eine Perlenzucht, eine Seidenmanufaktur, eine echt chinesische Apotheke mit „Behandlungen“, eine Akrobatik- Schau, die Peking-Oper (wo etliche Kantoristen trotz entsetzlichen Lärmens des „Orchesters“ versäumten Schlaf nachholten (auch unser Kantor), eine Rikschafahrt in der Altstadt, die angesichts der gigantischen Neubauten des modernen Peking einem Kulturschock gleichkam, das alles durften wir erleben.

Die Neustadt - ein Moloch

Pekings breite Hauptstraße ist 41 km lang. Zur „Rush hour“ wähnt man sich in einer westlichen Großstadt. Es geht nur stoßweise vorwärts. Kein Wunder bei ca. 200 (!) Neuzulassungen pro Tag! Unzählig sind die Fahrräder, die selbst im Dunkeln unbeleuchtet im dicksten Verkehr herumkurven. Und es passiert nichts!

Foto: Schiersteiner Kantorei singt in der Beijing Concert Hall

Beijing Concert Hall

Sie ist der größte Musiksaal in China (mit einer riesigen Orgel) und fasst ca. 1000 Menschen. Beide Konzerte waren sehr gut besucht trotz für dortige Verhältnisse happiger Eintrittspreise. Wir wurden vom Publikum regelrecht gefeiert. Einige Musikstücke waren noch nie in China erklungen. Händels „Hallelujah“ war gar nicht im Programm ausgedruckt und wurde von uns als Zugabe den Chinesen quasi untergejubelt. Ihre Reaktion bewies uns, dass sie darauf nur gewartet haben mussten.
Martin Lutz und Malte Kühn agierten festlich befrackt. Ein Treffen mit Hunderten von einheimischen Sängern in einem großen Park zeigte uns, dass die Chinesen ein durchaus sangesfreudiges und fröhliches Völkchen sind. Uns „Langnasen“ wurde einiges von ihrem Repertoire geboten, u. a. auch ein Lied auf den „Großen Vorsitzenden“. Wir konnten auch zusammen mit ihnen ein chinesisches Lied singen, das wir vorher mit großem Vergnügen einstudiert hatten. Und dann das dritte „Hallelujah“, als Novität a capella!

Fazit

Die Gastgeber hatten ihrerseits ausgezeichnete Vorbereitungsarbeit geleistet, an der auch die deutsche Botschaft und das Goethe- Institut beteiligt waren. Es klappte alles reibungslos. Man war sehr bemüht, uns den Aufenthalt in einem uns doch fremden Kulturkreis so informativ und angenehm wie möglich zu machen. Erstaunlich viele, vor allem junge Chinesen sprechen oft ausgezeichnet deutsch, und in Hotels und Kaufhäusern kommt man allemal mit Englisch zurecht. Höflichkeit und Freundlichkeit werden groß geschrieben. Oft verspürten wir auch Herzlichkeit Aufdringlich allerdings waren an Touristikpunkten die vielen fliegenden Händler, die allen möglichen Krimskrams (eine „echte“ Rolex = „Lolex“ für 20 Dollar) anboten und sich kaum abschütteln ließen.
Die Kluft zwischen Alt-Arm und Neu-Reich wird in China immer größer. Die hektische Industrialisierung geht auf Kosten der kleinen Leute und birgt sozialen Sprengstoff. Kommt man aus der Stadt aufs Land, sieht man die alten Dörfer, die einen fast erschreckenden Kontrast darbieten. Was angenehm auffällt, ist die Sauberkeit der Pekinger Straßen (keine Kippen, kein Kaugummi, keine Tüten, kein Hundedreck).

Danke

Es war für uns Beteiligte eine überaus erfolgreiche Sängerreise (man hat uns sogar eine zweite nach Südchina angeboten) und ein großartiges Erlebnis, das auch vom chinesischen Fernsehen intensiv begleitet wurde. In unserem Dank vergessen wir auch nicht unseren Kantor Martin Lutz und Sängerin Karen Rätz, die unendlich viel Mühen und Arbeit in das Projekt investierten, damit alles so schön und reibungslos verlief, wie es verlaufen ist. Herzlichen Dank!

Heinz Leukel

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